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Der Landespsychologentag 2011 im Rückblick

Ausgrenzen oder wachsen? Über den Umgang mit Vielfalt


Zum wiederholten Mal freute sich der Landesgruppen-Vorstand über ein sehr großes Interesse an einem Landespsychologentag. In ihrer Eröffnungsrede zu Beginn der Veranstaltung am 17. September konnte Landesgruppen-Vorsitzende Ute Steglich nicht nur rund 90 Teilnehmerinnen und Teilnehmer begrüßen, sondern auch Prof. Jürgen Bengel als Vertreter des Psychologischen Instituts der Albert-Ludwigs-Universität, in dem der Landespsychologentag stattfand. Weitere Grußworte kamen von Ministerialdirektor Manfred Stehle vom Ministerium für Integration sowie von der Freiburger Stadträtin Pia Maria Federer.

Prof. Jürgen Bengel begrüßte die Anwesenden mit einem kurzen Abriss der Entwicklung des Psychologischen Instituts. Den Schwerpunkt seiner Ansprache legte er auf die Auswirkungen des Bologna-Prozesses, lag es ihm doch am Herzen, den anwesenden „Diplomern“ über die Entwicklung der Psychologieausbildung zu berichten. Nachfolgende Gespräche belegten den Nutzen dieser Informationen. Sie zeigten, dass bei den Mitgliedern nach wie vor ein großer Informationsbedarf zu den Bologna-Auswirkungen vorhanden ist.

Ministerialdirektor Manfred Stehle zeigte auf, wie das Thema Diversity durch das neu geschaffene Ministerium für Integration wichtige Impulse erhalten soll.

Die Stadträtin Pia Maria Federer informierte über die „grüne“ Entwicklung der Stadt Freiburg und über deren Anliegen, Inklusion im Alltag zu realisieren. Sie ging ebenfalls auf die Konflikte ein, die entstehen, wenn soziale und kulturelle Unterschiede aufeinandertreffen und verdeutlichte damit die Zentralität und Aktualität der im Landespsychologentag aufgegriffenen Thematik.

Professor Jens Förster stellte im Eröffnungsvortrag – ganz im Stil seines Buches „Kleine Einführung in das Schubladendenken“ – auf unterhaltsame, kurzweilige Art ausgewählte Forschungsergebnisse zu Vorurteilen und Stereotypen vor. Eines von Försters amüsanten und gleichsam nachdenklich stimmenden Erkenntnissen stammt aus der Forschung zur Übernahme von Blondinen-Stereotypen durch blonde Frauen selbst. Förster fand heraus, dass blonde Frauen in Leistungstest (Schnelligkeit und Genauigkeit) signifikant schlechter abschneiden als Frauen mit anderer Haarfarbe, wenn ihnen vor der Aufgabenbearbeitung Blondinenwitze präsentiert wurden. Das im Witz erinnerte „Blondinen-Vorurteil“ führte bei blonden Frauen zu vorsichtigem und damit langsamerem Verhalten bei der Aufgabenlösung, während es bei Frauen anderer Haarfarbe zu schnellerem, riskanterem Verhalten führte.

Dieses wie auch andere Ergebnisse führte Förster als Beleg dafür an, wie schnell die Leistung von Menschen verbessert oder verschlechtert werden kann – und wie wenig bewusst die Auswirkung von stereotypen Informationen allen Beteiligten ist.
Der inspirierende Vortrag animierte die Anwesenden zu Fragen und Diskussionen. Jens Försters Buch war nach der Veranstaltung am Tisch der Freiburger Buchhandlung schnell ausverkauft.

Anschließend standen vier Workshops auf dem Programm.

Auch hier gab es für Psychologinnen und Psychologen aus allen Fachrichtungen interessante Angebote. In seinem Workshop „(Was) Hat die sexuelle Orientierung mit Job und Performance zu tun?“ regte Dominic Frohn an, sich mit einer wenig beachteten Diversity-Dimension gründlicher auseinander zu setzen und die eigenen Perspektiven auf lesbische und schwule Beschäftigte oder Klientinnen und Klienten zu erweitern. Dazu stellte er Erkenntnisse seiner Studie, der bislang größten deutschen Studie zu diesem Themenkomplex, vor.
Einen besonderen Aspekt der Arbeit für und in Behinderteneinrichtungen zeigte Dieter Irblich auf. In seinem Workshop drehte es sich um den behindertenspezifischen Bedarf an Notfallpsychologie. Begleitet von Clivia Langer, Fachgruppenleiterin „Notfallpsychologie“ in der Sektion Klinische Psychologie, diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Möglichkeiten des konkreten Vorgehens und der konzeptionellen Weiterentwicklung in Einrichtungen und Notdiensten.

Dass personelle Vielfalt nicht per se ein Mehrwert ist, sondern erst durch Unternehmen als Schatz „gehoben“ werden muss, wurde im Workshop „People make the difference!“ von Ulrich Schübel deutlich. Er lieferte Beispiele, wie Organisationen unter dem Dach eines „Diversity Managements“ die Chancen dieser Vielfalt nutzen, indem sie auf unterschiedliche Zielgruppen und deren spezifische Interessen und Kompetenzen eingehen. Diversity Management wird dabei auch verstärkt als Aspekt der Wettbewerbsfähigkeit und Attraktivität von Organisationen ins rechte Licht gerückt.

Die besonderen Herausforderungen für diejenigen, die mit Migrantinnen und Migranten arbeiten, brachte Dr. Peter Streb in seinem Workshop zur Sprache. Anhand von Konzepten der transkulturellen Psychiatrie, der Migrationsforschung und von klinischen Beispielen wurde ein für alle Beteiligte befriedigender und ein (gegenseitiges) Wachstum fördernder Zugang in der Arbeit mit psychisch belasteten Migrantinnen und Migranten erarbeitet.

Gut versorgt vom Catering des Freiburger Studentenwerks ließ es sich in der Pause vortrefflich diskutieren und netzwerken. Zwei Büchertische  regten zum Schmökern an und zahlreiche Studierende aus Freiburg informierten sich über eine BDP-Mitgliedschaft.
Außerdem hatten die Kolleginnen und Kollegen am Landespsychologentag die Möglichkeit, sich von Dr. Michael Marek, Geschäftsführer der Wirtschaftsdienst GmbH des BDP, über Konzepte der Altervorsorge informieren zu lassen.

Am Nachmittag lud die Landesgruppe zu einer zweiten Reihe von fünf Workshops ein.

Was es heißt, im Arbeitsalltag einer transkulturellen Ambulanz kompetent mit kultureller Vielfalt umzugehen, zeigte Monika Schröder von der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des LVR-Klinikums Düsseldorf. Auf der Basis des Diversity-Ansatzes nach Georg Auernheimer erläuterte sie anhand von Fallvignetten, wie sich Diversity-Aspekte auf die Kommunikation in Psychotherapie und Beratung auswirken (können) und welche Faktoren Kommunikation verhindern bzw. gelingen lassen.

Die Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingen stand im Zentrum von Ernst-Ludwig Iskenius’ Workshop. Der Leiter der Kontaktstelle Refugio in Villingen-Schwenningen ging der Frage nach, wie sinnvolles therapeutisches Handeln gestaltet werden kann und welche Regeln dabei zu beachten sind. Besonders die Arbeit mit Dolmetschern stand hier im Vordergrund.

Ein anderer Aspekt von Vielfalt und Unterschiedlichkeit, nämlich das Erleben chronischer Schmerzen in der Partnerschaft, war Thema des Workshops von Dr. Jürgen Wild. Am Beispiel rheumatologischer Krankheitsbilder stellte er dar, wie durch chronische Krankheiten hervorgerufene Verständnisprobleme und Persönlichkeitsveränderungen der Betroffenen deren Partnerschaften belasten. Wie es dennoch zu reifer Beziehungsgestaltung und Verbundenheit kommen kann, wurde mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern erarbeitet.

Warum sollten Arbeitgeber die Vereinbarkeit von Beruf und Pflegetätigkeit ermöglichen? Dieser Frage gingen Sonja Lambert von AOK Hessen und Birgit Weinmann nach. Der demografische Wandel macht Arbeitgeber erfinderisch und lenkt u. a. den Blick auf die Belange von Beschäftigten mit betreuungs- und pflegebedürftigen Angehörigen. Anhand des Best Practice-Beispiels der AOK, die sich schon 2007 dieses Themas angenommen hat, wurde aufgezeigt, welche Rahmenbedingungen für pflegende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hilfreich sind und welche Unterstützungsangebote sich bewährt haben.

„Jeder Mensch ist einzig-art-ig!“ So betitelte Otto Herz seinen Workshop. Er betrachtet Inklusion als die anspruchsvollste gesellschaftliche, bildungspolitische und pädagogische Herausforderung der Zeit. Und um diese Herausforderung bei der Umsetzung von Inklusion im schulischen Lernen, speziell in multi-professionellen Teams, ging es am Nachmittag.

Die abschließende Kaffeerunde bot letztmalig Gelegenheit zum Austausch, bevor der Landespsychologentag sein Ende fand.

Die von den Referentinnen und Referenten freigegebenen Präsentationen können hier eingesehen werden.

Im Anschluss an den Landespsychologentag fand die diesjährige Mitgliederversammlung statt.

(16.12.2011)