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Geheime Botschaften im Therapiegespräch

Unbewusste Manipulationsversuche von Patienten stellen hohe Ansprüche an Wissen und Lebenserfahrung von Therapeuten

Sarah P. kommt mit starken Schmerzen im Knöchelgelenk nach einem Sturz in eine chirurgische Praxis. Eine Röntgenaufnahme bestätigt den ärztlichen Verdacht: Der Knöchel ist gebrochen. Nie käme Sarah P. auf die Idee, sie litte stattdessen an einer Nierenkolik, und die Schmerzen strahlten bis in den Knöchel aus. Bei psychischen oder psychosomatischen Störungen kann das ganz anders sein. Sie sind zumindest bis heute im Röntgenbild nicht erkennbar. Und so kann es zu Kollisionen zwischen professioneller Diagnose und der festen Überzeugung von Patienten kommen.

Die Psychologin und Psychotherapeutin Sigrun Koch erklärt das am Fall einer Patientin mit abhängiger Persönlichkeitsstörung, die stark darunter leidet, dass ihr Freund, von dem sie materiell abhängig ist, ihren dringenden Wunsch zu studieren nicht unterstützt und stattdessen eine Familie gründen will. Sie fühle sich eingeengt, schaffe es jedoch nicht, eigene Möglichkeiten zu entwickeln, endlich ihren Traum zu leben. „Das klingt alles schlüssig. Man könnte als Therapeutin mit ihr an der Beziehungsproblematik arbeiten, so dass sie entweder ihren Partner am Ende überzeugen kann oder Konflikte riskiert, in denen sie sich durchsetzt und mit ihm eine gemeinsame Lösung findet.  Das jedoch wäre ein fataler Fehler im konkreten Fall gewesen. Menschen mit einer abhängigen Persönlichkeitsstörung zweifeln in hohem Maße an sich selbst, sind zutiefst unsicher. Sie begeben sich in die Abhängigkeit von anderen in der Hoffnung und Erwartung, dass diese ihnen sagen, was sie machen sollen.“

Eine lebenserfahrene Therapeutin mit abgeschlossenem Psychologiestudium und Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin  vermag nach einigen Gesprächen  zu erkennen, dass die Klientin sie unbewusst zu manipulieren versucht: Sie will mit ihr nicht wirklich über ihre regressiven Bedürfnisse nach Abhängigkeit  sprechen, sondern über ein Nebenthema. In der Therapie spricht man von impliziten Botschaften (im Sinne von gemeint, aber nicht ausdrücklich gesagt), die Patienten senden und damit Aufträge an Therapeuten erteilen. Im konkreten Fall hatte sich die Patientin unbewusst einen Partner gesucht, der sie am Studieren hinderte. Sie hatte große Angst im Studium zu versagen und am Ende blamiert dazustehen vor allen, denen sie wiederholt von ihrem dringenden Studienwunsch erzählt hatte. Sie brauchte den Partner, um sich hinter ihm  verstecken und erfolgreich vor dem Studium drücken zu können.

Eine Konfrontation mit dieser Wahrheit würde am Anfang der Therapie vermutlich zum sofortigen Abbruch durch die Patientin führen. „Man muss stattdessen die richtigen Fragen stellen und behutsam in der Patientin das Bewusstsein für ihr tatsächliches Problem schaffen“, erklärt Sigrun Koch. Das sichere letztlich den Therapieerfolg und entlaste den Therapeuten, der nicht länger gegen ein geleugnetes Problem ankämpfen müsse.

Umso wichtiger ist Sigrun Koch, dass die Psychotherapieausbildung in Deutschland ein solides Fundament behält und durch die von der Bundesregierung geplante Reformierung nicht auf tönerne Füße gestellt wird. Diese Gefahr besteht, wenn die Koalition von CDU und SPD ein Direktstudium der Psychotherapie nach dem Abitur beschließen sollte. Die Psychotherapie ist – so der Standpunkt des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) – anwendungsorientierter Bestandteil der Psychologie und plädiert daher für ein dreistufiges Ausbildungsmodell – vom Psychologie-Bachelor über den Master und die postgraduale Weiterbildung zum Psychotherapeuten bei angemessener Vergütung. Eine Abkoppelung der Psychotherapie von der Psychologie entzöge künftigen Psychotherapeuten die breite wissenschaftliche Basis. Zudem brächte die Schmalspur-Approbation nach dem Psychotherapiestudium erhebliche Qualitätsprobleme mit sich. „Lebenserfahrung, Erfahrung in der psychologischen Diagnostik, supervidierte Praxis-Erfahrungen während der postgradualen Weiterbildung – erst das macht Psychotherapie auf hohem Niveau möglich. Nichts anderes sollte der Gesetzgeber künftigen Patienten ermöglichen.“

Beim Landestag der Psychologie in Stuttgart am 11. Juli 2015, der sich mit dem Thema „Selbstbestimmung und Manipulation“ aus psychologischer Perspektive widmet, wird Sigrun Koch ausführlicher über die impliziten Botschaften in der Psychotherapie sprechen. Interessenten sind herzlich eingeladen und finden weitere Informationen auf der Website der Landesgruppe.

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