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Mit psychologischen Methoden bis an die Grenze der Selbstoptimierung?

Interview mit dem Coach und Psychologen Dr. Karl Kubowitsch

Arbeitsausfälle aufgrund von Burnout haben in den vergangenen Jahren zugenommen. In einer repräsentativen Umfrage gaben immerhin 2,9 Prozent der Befragten an, dass bei ihnen schon einmal ein Burnout durch einen Arzt diagnostiziert worden sei. Viele sehen die Ursache dafür in einem hohen Leistungsdruck; er kann durch Vorgesetzte ausgeübt werden, aber nicht wenige Menschen setzen sich auch selbst über Gebühr unter Druck. „So weit muss es in vielen Fällen nicht kommen“, sagt der Psychologe Dr. Karl Kubowitsch, der Leistungssportler sowie Führungskräfte aus der Wirtschaft und anderen Bereichen dabei unterstützt, ihre Leistungsfähigkeit zu erhalten, die Performance und ihr gesamtes Selbstmanagement zu optimieren.

Sie beschäftigen sich u.a. mit Performance-Optimierung durch Coaching. Das klingt, als würde der Coach zum Dritten im Bunde der Druck-Macher. Verstehen Sie sich so?

Überhaupt nicht. Gerade Menschen mit einem hohen Anspruch an sich selbst leben diesen Anspruch oft nicht nur bei der Arbeit, sondern wollen zudem auch noch perfekte Väter oder Mütter sein und betreiben ambitioniert Sport in ihrer Freizeit. Sie kommen zu mir, um all ihre Ziele besser erreichen zu können. Und dann überrasche ich sie damit, dass ich z.B. über Werte spreche, die ihnen etwas bedeuten, und über Erholung. Dauerhafte Leistungsfähigkeit ist ohne Regeneration nicht möglich. Also landen wir im Gespräch automatisch z.B. bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder Beruf und Freizeitinteressen.

Wenn ich einem Arzt physische Beschwerden melde, dann kann er mir entweder mit einem Medikament, einer physiotherapeutischen Behandlung oder einer Operation helfen. Zu Ihnen kommen Menschen, die nicht oder noch nicht krank sind, aber dennoch Hilfe erwarten. Um welche Art Hilfe geht es da?

Es geht um Hilfe zur Selbsthilfe, um Optimierung des eigenen Selbstmanagements. Jeder Mensch kann seine Selbstregulation eigenverantwortlich und bewusst verbessern. Das mache nicht ich, das macht er. Ich kann helfen, indem ich das Gespräch auf langfristige Ziele bringe und das Nachdenken darüber fördere. Ich kann zur Steuerung innerer Prozesse auch auf psychophysiologischer Ebene beitragen. Das bedeutet: Wir lernen, das Wechselspiel zwischen psychischen und körperlichen Prozessen gezielt zu beeinflussen. So verbessern wir die Grundlagen für Leistung und Erholung. Konkret stehen Klienten oft vor neuen Aufgaben, die ihnen Angst machen, vor Veränderungen im Unternehmen, Umstrukturierungen oder Fusionen. Hochleistungssportler wollen sich auf eine Meisterschaft vorbereiten oder haben Probleme, einen physisch durchaus überwundenen Unfall aus ihrem Kopf zu bekommen. Sie gehen nicht mehr auf volles Risiko, was in Disziplinen, an denen die internationale Führungsspitze nur um Hundertstel- oder Zehntelsekunden auseinanderliegt, den Unterschied zwischen einer Medaille und keiner Medaille ausmachen kann.

Wie alt sind Ihre Klienten?

Die Sportler sind zwischen 18 und ca. 30 Jahre alt, die Führungskräfte zwischen 30 und 60.

Haben ältere Klienten es schwerer, eingefahrene Gleise zu verlassen?

Wir werden im Alter nicht grundlegend unflexibler. Eingefahrene Gewohnheiten lassen sich nicht leugnen, aber dafür können Ältere oft mit negativen Gefühlen besser umgehen, sie werden gelassener.

Erarbeiten Sie mit jedem bzw. für jeden Klienten ein persönliches und für ihn transparentes Programm?

Im Einzeltraining tue ich das. Ein Coaching sollte keinen „Black-Box“-Charakter haben. Der Klient muss die Ziele und die Vorgehensweise kennen, durchschauen und bejahen. Ich bevorzuge ein flexibles Vorgehen, das mir erlaubt, bei jedem Termin auch auf aktuelle Bedürfnisse des Klienten einzugehen ohne den strukturierten Prozess, der allgemeinen fachlichen Prinzipien folgt, aus dem Auge zu verlieren.

In der Arbeit mit einer Gruppe, zu der Unternehmen bisweilen einladen, geht es zunächst um Wissensvermittlung. Die Teilnehmer lernen etwas darüber, wie Problemlagen entstehen und wie man Problemverhalten „verlernen“ kann. Die Anwendung von Techniken der Selbststeuerung, die dabei zur Sprache kommen, geschieht dann individualisiert.

Wie viele Termine gehören im Durchschnitt zu einem guten Coaching?

Das ist abhängig vom Themenfeld und von der Tiefe des Problems. Wenn jemand einer anstehenden Veränderung am Arbeitsplatz im Prinzip positiv gegenübersteht, sich jedoch fürchtet damit überfordert zu sein, ist das weniger zeitaufwendig. Für ein rascher schlagendes Herz bei jetzt häufiger auf ihn zukommenden Präsentationen, die Veränderung der Gesichtsfarbe oder Schweißausbrüche finden wir in der Regel rascher eine Lösung, als wenn er die Veränderung als solche ablehnt und als Bedrohung oder Fehlentscheidung auf höherer Ebene ansieht. Schwieriger ist es auch, wenn psychophysiologische Reaktionen darauf schließen lassen, dass der Klient eine soziale Phobie hat und damit keinen Coach sondern einen Klinischen Psychologen oder Psychotherapeuten braucht.

Immer öfter hört man, dass auch Biofeedback zur Leistungsoptimierung eingesetzt wird. Schwer vorstellbar, wie das durch die Messung von Puls, Blutdruck, Hauttemperatur und anderen Parametern möglich sein soll.

Durch die Messung allein natürlich nicht. Sie ist Teil der Standortbestimmung am Anfang, also der Diagnostik. Im nächsten Schritt erlebt der Klient, dass er die gemessenen Signale in eine gewünschte Richtung verschieben kann - z. B. die Muskelspannung senken oder die Schweißdrüsenaktivität als Indikator für Aufregung reduzieren. Er verfolgt das an einem Bildschirm. Abhängig von den Zielen des Klienten messen wir später nur noch ausgewählte Parameter und trainieren die Reaktion des Körpers z. B. auf Bilder, Worte oder Situationen. Ich spreche beispielsweise bestimmte Stressoren an - z. B. die Situation bei einer Präsentation oder Vertragsverhandlung - und kann dem Klienten dabei demonstrieren, wie der Hautleitwert, die Muskelspannung oder der Puls nach oben schnellen. Umgekehrt lässt sich demonstrieren, was bei einer Entspannungsübung geschieht. Der Klient lernt durch das Biofeedback-Training, die Reaktionen des Körpers sinnvoll zu verändern, mehr Flexibilität zwischen Anspannung und Entspannung zu erlangen und die gelernten Strategien dann in den Alltag zu übertragen. Erst da zeigt sich die Performance-Optimierung.

Führungskräfte genauso wie Spitzensportler haben in der Regel einen gut gefüllten, wenn nicht überfüllten Terminkalender. Wie gelingt es ihnen, die Termine für das Coaching oder Bio-Feedback-Training in den eigenen Zeitplan zu integrieren?

Den meisten gelingt es gut, wenn sie die Notwendigkeit erst einmal verstanden und sich entschlossen haben. Zudem hilft die moderne Technik enorm. Eine einfache Form von Bio-Feedback lässt sich z.B. mit dem Smartphone durchführen. Dabei werden Hauttemperatur oder Hautleitfähigkeit gemessen und können von ihrem Coach aus der Ferne mitverfolgt, bewertet und ausgewertet werden. Klienten nutzen das insbesondere bei längeren Auslandsaufenthalten. Wir verständigen uns in diesen Fällen via Skype; das bedeutet Beratung und Auswertung der Messwerte in Echtzeit durch die moderne rasche Übertragung.

Wenn Menschen durch die Einnahme von Pillen ihre Leistungsfähigkeit zu steigern versuchen, dann gilt das als bedenklich. Macht die Chemie den Unterschied zu Ihrer Arbeit, oder kann mittels psychologischer Methoden auf dem Gebiet der Performance-Optimierung generell kein Schaden angerichtet werden?

Die Chemie ist ein wichtiger Unterschied. Aber es wäre falsch so zu tun als wären fatale Konsequenzen für die Klienten überhaupt nicht denkbar.

Hängt das von den angewandten Verfahren und Methoden oder vom Anwender und seiner Qualifikation ab?

Beides ist wichtig. Noch immer glauben viele Menschen, in Deutschland sei alles, was nicht ausdrücklich verboten ist, ungefährlich. Der Gesetzgeber setzt aber viel Vertrauen in die Kritikfähigkeit von Bürgern und in deren verantwortungsbewusste Entscheidungen. Coaching ist kein geschützter Begriff. Als Coach kann arbeiten, wer es sich zutraut. Die Anwendung von Biofeedback ist nicht geregelt, d.h. es bedarf (noch) keines Zertifikats und erst recht keines Psychologiestudiums, um damit auf dem Markt aufzutauchen. 

Der große Vorteil, wenn man sich zum Coaching in die Hände eines Psychologen oder im Fall des Biofeedbacks in die eines Psychologen oder Arztes begibt, ist deren Professionalität im Umgang mit Verfahren und Methoden. Das beginnt bei der Vereinbarung konkreter kurz-, mittel- und langfristiger Ziele mit dem Klienten und einer Werteklärung. Was hilft es einem Menschen, sich so zu optimieren, so dass er zwar perfekt zur neuen Aufgabe passt, damit aber seinen wahren Zielen und Werten widerspricht? Was hilft es, einem Leistungssportler mittels verschiedener Techniken die Angst vor neuerlichem Sturz zu nehmen, wenn er in Wahrheit lieber aufhören und seinem Leben eine andere Richtung geben würde? Ich will damit sagen: Selbst ein möglicher Erfolg spricht nicht gegen meine These: Psychologie sollte von Psychologen angewandt werden, und Biofeedback gehört in die Hände diagnostisch ausgebildeter Psychologen und Ärzte. Sie sind zudem berufsethischen Richtlinien verpflichtet.

Richtig angewendet zielen kognitiv-verhaltensorientierte Vorgehensweisen im Coaching niemals nur pragmatisch auf eine Verhaltensänderung oder auf Optimierung. So wird – von Ausnahmefällen abgesehen – vermieden, dass Coaching in den manipulativen, ggf. auch selbstmanipulativen oder selbstausbeuterischen Bereich abgleitet. Diese Gefahr droht z.B. wenn ein Bundestrainer einen Spitzensportler dazu drängt, die Erfahrungen mit Verletzungen endlich auszublenden, seine z.B. durch Stürze entstandenen psychischen Hemmungen zu überwinden und sein eigenes sportliches Vermögen wieder bis zum Anschlag auszuschöpfen. Das kann gut sein, muss es aber nicht. Auf keinen Fall sollte es entschieden werden, ohne zuvor zu reflektieren, was einem im Leben auf lange Sicht wichtig ist und ob es mit dem kurzfristigen sportlichen Erfolg übereinstimmt oder kollidiert. Ich sehe mich also bei allem Interesse an Leistungssteigerung von Klienten immer in der Pflicht zu verhindern, dass sie Raubbau an den eigenen Ressourcen betreiben, weil sie nicht genügend reflektiert haben, worum es ihnen eigentlich geht.

Beim Landestag der Psychologie in Stuttgart am 11. Juli 2015, der sich aus psychologischer Perspektive mit dem Thema „Selbstbestimmung und Manipulation“ in Politik und Wirtschaft, Sport und Gesundheit widmet, wird Dr. Karl Kubowitsch ausführlicher über optimale versus maximale Automatisierung von Fahrzeugen sprechen. Veranstalter ist die Landesgruppe Baden-Württemberg des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Interessenten sind herzlich eingeladen und finden weitere Informationen auf der Website der Landesgruppe.


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