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Wenn Ethiken aufeinanderprallen

Fredi Lang kommentiert und ergänzt die Debatte über Sterbehilfe

Im Koalitionsvertrag hatten CDU/CSU und SPD vereinbart, dass die „gewerbsmäßige Vermittlung von Gelegenheiten zur Selbsttötung unter Strafe gestellt werden“ soll. Eine neue gesetzliche Regelung von Sterbehilfe ist jedoch derzeit nicht in Sicht. Leidenschaftlich geführte Debatten zwischen Medizinern, Juristen, Pflegekräften und kirchlichen Amtsträgern haben bisher zwar Positionen und unterschiedliche Ethiken deutlich gemacht; der Lösung des Problems scheint man aber nicht näher gekommen zu sein. Nun hat sich der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) in die Debatte eingeschaltet. Wir sprachen dazu mit Fredi Lang, der der Präsidiumskommission Berufsethik des BDP angehört.

Welchen neuen Aspekt bringt der Psychologenverband in die Diskussion ein?

Der BDP stellt das Individuum in den Mittelpunkt.

Geht es nicht allen beteiligten Berufsgruppen um die sterbenden Individuen? Betonen nicht alle das Ziel, ihnen ein Sterben in Würde zu ermöglichen?

Der Begriff „Würde“ wird bisher einseitig somatisch gedacht, das heißt nur mit körperlichen Beschwerden in Verbindung gebracht. Freiheit von körperlichem Leid bedeutet aus dieser Sicht in Würde zu sterben. Es geht aber nicht nur um das Schmerzempfinden in den Nervenenden! Der psychologische Ansatz ist ein ganz anderer. Würde hat aus unserer Sicht auch starke psychische Aspekte, dabei geht es auch um die Identität im Hinblick auf das bisherige eigene Selbstverständnis des Patienten, um die Autonomie bzw. Kontrolle über die Geschehnisse sowie die Bewahrung kognitiver Fähigkeiten und damit verbundener Möglichkeiten zur Selbstbestimmung. Dieser psychische Teil bei dem immer wieder betonten „Sterben in Würde“ findet im bisherigen Diskurs nicht statt oder wird den somatisch-medizinischen Fragen nachgeordnet. Er ist aber kein Anhängsel, sondern der Kern des Geschehens und gehört deshalb ins Zentrum der Debatte – ganz besonders dann, wenn ein konkreter Sterbewunsch geäußert wird.

Was sagt diese Botschaft all den in Hospizen, auf onkologischen und Palliativstationen und als Lebenshilfe-Berater mit dem Thema Sterben befassten Psychologinnen und Psychologen sowie psychologischen Psychotherapeuten?

Sie ist ein Aufruf zu reflektierter psychologischer Begleitung von Patienten bei der Willensbildung und Entscheidungsfindung, ein Aufruf zur Neutralität.

Ist neutrale Beratung überhaupt möglich?


Ja, denn die Beratung ist keine Talkshow, in der die Beteiligten zum Teil leidenschaftlich ihre eigenen Überzeugungen vertreten. Neutrale Beratung kann gelingen, wenn wir uns der Einflüsse bewusst sind, unter denen auf der einen Seite der Patient, auf der anderen jeder einzelne Behandler steht. Das können beispielsweise religiöse Einflüsse sein. Die Entscheidung über Art und Weise sowie Zeitpunkt des Todes obliegt aus religiöser Perspektive Gott und nicht dem Einzelnen. Bereits mit der Option, über das Sterben z.B. durch die Ablehnung lebenserhaltender Maßnahmen selbst zu entscheiden, wird das Entscheidungsmonopol verlagert. Das macht es jedem religiös gebundenen Behandler schwer, Neutralität zu wahren.

Einflüsse ergeben sich aber auch durch den Grundauftrag an die diversen Berufsgruppen, die in den verschiedenen Versorgungsbereichen Schwerkranker tätig sind. Dieser lautet: Leben verlängern! Dieser Auftrag wird durch jegliche Sterbehilfe grundsätzlich in Frage gestellt. Auch hier geht es um ein Deutungsmonopol. Was ist das Beste für die Patientin/den Patienten? Ist es wirklich die das Sterben beschleunigende Opium-Gabe in erhöhter Dosis?

Mit anderen Worten: Individuelle Ethik und Berufsethik können in Konflikt geraten, manchmal zusätzlich mit institutionellen Ethiken, wenn jemand z.B. in einem kirchlichen Krankenhaus oder Hospiz arbeitet.

Kann das bedeuten, Patienten werden manipuliert statt zur selbstbestimmten Entscheidung geleitet?

Das abstrakte Ideal der freien Willensbildung hat nicht unbedingt für alle Patienten oder Klienten Priorität. Auch dem Kranken können die Ansichten seiner Angehörigen, Regeln seiner Religion oder andere Einflüsse sehr wichtig sein. In diesem Fall kann es nicht Aufgabe von Psychologen sein, ihn davon zu „befreien“, quasi umzuerziehen.

Ist diese Versuchung groß?

Nein, aber jeder Berater hat auch eigene Voreingenommenheiten. Er muss diese kennen und im professionellen Handeln bewusst möglichst außen vor halten, damit er den Patienten nicht manipuliert. Die Aufgabe besteht also nicht darin, dass der Patient seinen Wunsch zu sterben aufgibt oder umgekehrt, dass er sich zu einem rascheren Sterben fest entschließt, sondern dass er sich der verschiedenen Einflüsse und der begründeten und unbegründeten Ängste bewusst wird und auf dieser Basis eine informiertere und selbstbestimmtere Entscheidung fällt.

Zusätzliches Konfliktpotenzial über religiöse und Berufsethik hinaus besteht offenbar durch die gesellschaftliche Ethik, denn mehr als 75 Prozent der Bürger – ganz anders als die Politik – meinen, die Verfügung über den eigenen Tod sollte in weitem Umfang freigegeben werden.

Rechtlich ist sie das. Selbstbestimmung ist aber immer verbunden mit den Möglichkeiten und Einschränkungen, die in der Gesellschaft zum gegebenen Zeitpunkt vorhanden sind und den Rechten Anderer; beim Sterben z.B. durch das Recht von Angehörigen oder Ärzten, bei indirekter oder direkter Sterbehilfe nicht mitzuwirken. Es kann also nur um eine relative Selbstbestimmung gehen, die allerdings in den individuellen Rechten sehr weit reicht.

Schon jetzt ist die Rechtslage in Deutschland nicht einheitlich. Nur ein Teil der ärztlichen Berufsordnungen verbietet ärztlich assistierten Suizid; die anderen folgen dem Gesetzgeber, der diesen nicht unter Strafe stellt. Stehen wir, was die Gesetzeslage betrifft, vor einem Rückschritt?

Das glaube ich nicht. Ich bin kein Jurist, kann aber nachvollziehen, wenn Thomas Fischer, Bundesrichter in Karlsruhe, darauf verweist, dass in den vergangenen 15 Jahren durch wichtige Entscheidungen der höchstrichterlichen Rechtsprechung und des Gesetzgebers eine schrittweise Klärung und Öffnung jener lange tabuisierten Zone des Sterbens erreicht wurde. Statt mit der gegenwärtig ablaufenden Debatte über eine neue gesetzliche Regelung zu erneuter Verunsicherung von Ärzten und anderen Berufsgruppen beizutragen, plädiert er nicht nur für die Beibehaltung und den Ausbau der erlaubten Sterbehilfe, sondern darüber hinaus für eine Öffnung des strafrechtlichen Verbots der Tötung auf Verlangen, selbstverständlich an prozedurale Regelungen geknüpft.

Heißt das, Sie erwarten perspektivisch eine andere Sicht von immer mehr Menschen und letztlich auch vom Gesetzgeber auf selbstbestimmtes Sterben und Sterbehilfe? Wird es in 30 Jahren möglich sein, ab einem Alter von z.B. 70 Jahren – eventuell sogar ohne eine unheilbare Krankheit – sagen zu können: „Es ist genug, jetzt möchte ich dem Leben ‚Adieu‘ sagen, gebt mir die medizinischen Mittel dazu.“

So weit möchte ich nicht gehen. Aber der kulturelle Wandel ist unübersehbar. Über Jahrhunderte geltende Glaubensorientierungen verlieren an Bindungskraft und verändern sich langsam. Die Lebenserwartung ist gestiegen und die Apparatemedizin ermöglicht eine Lebensverlängerung in Form eines Dahinvegetierens über einen langen Zeitraum ohne Bewusstsein. Dadurch ändern sich die Entscheidungsgrundlagen für Patienten. Insofern trägt das sich weiter entwickelnde medizinische Versorgungssystem nicht nur zum Leben, sondern auch zu dem Wunsch nach Sterbehilfe bei.

Beim Landestag der Psychologie in Stuttgart am 11. Juli 2015, der sich aus psychologischer Perspektive mit dem Thema „Selbstbestimmung und Manipulation“ widmet, wird Fredi Lang ausführlicher über das Spannungsfeld zwischen beiden Polen bei der Beratung Schwerkranker sprechen. Interessenten sind herzlich eingeladen und finden weitere Informationen auf der Website der Landesgruppe.

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