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Frauen zahlen hohen Preis für vermeintlich mehr Freiheit

Medizinischer Fortschritt und seine ambivalenten Folgen für das weibliche Geschlecht

Der Landestag der Psychologie am 11. Juli 2015 in Stuttgart trägt den Titel „Zwischen Manipulation und Selbstbestimmung“. Unter diesem Aspekt fällt die Bilanz beim Blick auf den medizinischen Fortschritt und seine Auswirkungen auf die Frauen ambivalent aus, wie wir im Gespräch mit der Psychologin Prof. Dr. Heike Stammer, Dekanin an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg, feststellen mussten. Heike Stammer ist eine der Referentinnen bei der von der Landesgruppe Baden-Württemberg des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen veranstalteten Tagung.

Hat der medizinische Fortschritt in den zurückliegenden Jahrzehnten aus Ihrer Sicht zu mehr Selbstbestimmung der Frauen beigetragen?

Auf jeden Fall, aber dieser Zugewinn an Selbstbestimmung hat auch seinen Preis. Der wird oft nicht gesehen – weder von den Frauen, die sich häufig der Risiken, die sie eingehen – körperlicher Art und was ihre eigene biografische Planung betrifft – nicht bewusst sind, aber auch nicht von der Gesellschaft.

Schwangerschaft kann man sicher verhindern, aber nicht sicher herstellen

Die Pille hat zweifellos Freiräume für Frauen und Paare geschaffen. Sexualität und Fortpflanzung wurden verlässlich entkoppelt. Das ermöglichte es, die Biografie besser zu planen und den Kinderwunsch etwas zurückzustellen. Die Idee, dass Schwangerschaft sicher zu verhüten ist, hat aber auch zu der Idee geführt, sie sei ebenso sicher herzustellen. Viele Veröffentlichungen, vor allem über prominente ältere Mütter – denken wir an Gianna Nannini – bestärken nicht nur Frauen in dieser Vorstellung. Die vielen, die es trotz eines hohen finanziellen Aufwands und starken persönlichen Einsatzes nicht schaffen, zu einem späteren Zeitpunkt noch schwanger zu werden, spielen in den Medien keine Rolle. Fachleute überrascht die Misserfolgsquote nicht, weil Schwangerschaft von vielen Faktoren abhängig ist. Der wichtigste ist das Alter der Frau. Das Fruchtbarkeitsoptimum ist lange vor dem 30. Lebensjahr überschritten. Deshalb bleiben viele Frauen trotz des Einsatzes aller medizinischen Möglichkeiten dauerhaft kinderlos, was in der Öffentlichkeit wenig bekannt ist.

Für alle, die trotzdem schwanger werden, ist die Pränataldiagnostik ein weiteres Geschenk der medizinischen Forschung. Mittels ihrer nicht-invasiven und invasiven Methoden lassen sich Fehlbildungen fetaler Organe feststellen und teilweise auch behandeln. Invasive Techniken wie die von im Fruchtwasser enthaltenen fetalen Zellen erlauben eine genetische Analyse und damit die Diagnose u.a. des Down-Syndroms. Liegt auch darin eine gewisse Ambivalenz?


Warum machen Frauen Pränataldiagnostik über das in der Schwangerenvorsorge bereits geleistete hinaus? Weil sie eine Bestätigung dafür wollen, dass sie ein rundum gesundes Kind bekommen werden.

Was spricht gegen diese weltweit beobachtbare Hoffnung angehender Eltern auf ein nicht behindertes Kind?


Dieser Wunsch ist nachvollziehbar. Sobald das Ergebnis der Diagnostik vorliegt und eine Erkrankung des Fötus belegt, sind die Eltern jedoch oft überfordert mit der Entscheidung, die das in vielen Fällen bedeutet. Zudem darf man nicht ignorieren, dass das in Deutschland mittlerweile bestehende flächendeckende Angebot von pränatalen Untersuchungen mit hoher diagnostischer Sicherheit bisweilen den Eindruck vermittelt,  Kinder mit Behinderung seien „vermeidbar“.

Ethisch problematisch ist aus meiner Sicht, dass Paare, die sich gegen diese Diagnostik entscheiden und am Ende ein behindertes Kind bekommen, zunehmend dem Vorwurf ausgesetzt sind, an ihrer Lage selbst schuld zu sein; so, als wären sie ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden. Schließlich müsse man doch heutzutage kein behindertes Kind mehr bekommen. Mit einer solchen Sicht bewegt sich die Gesellschaft ethisch zumindest in Richtung sehr fragwürdiger Maßstäbe. Und mit mehr Selbstbestimmung von Frauen hat das aus meiner Sicht auch nichts mehr zu tun.

Der Risikofaktor Alter lässt sich seit einiger Zeit eliminieren, indem junge Frauen ihre Eizellen einfrieren lassen und später – wenn der Zeitpunkt ihnen günstig erscheint – darauf zurückgreifen. Ist Social Freezing noch so eine Erfindung mit einem Januskopf?

Ich halte es für eine Scheinlösung. Die Unternehmen, die sich als erste bereit erklärten, die hohen Kosten des Social Freezing für Mitarbeiterinnen zu übernehmen,  wollten so doch nur  junge, hochqualifizierte Frauen im Job halten. Das größere Problem sehe ich aber darin, dass heute kein Mensch sagen kann, ob und in welchem Maße die Schwangerschaftsraten später höher sein werden als derzeit bei der herkömmlichen  IVF (In-vitro-Fertilisation oder Befruchtung im Glas). Letztere liegen bei 50 Prozent nach drei bis vier Versuchen.

Frauen werden durch Social Freezing zum Teil eines Langzeitexperiments


Beim Social Freezing bewegen wir uns derzeit im Stadium des Experiments. Und die meisten müssen für ihre Rolle in diesem Experiment auch noch  viel Geld investieren. Darauf seine Lebensplanung aufzubauen, halte ich für fragwürdig. Außerdem wissen viele Frauen gar nicht, was es seelisch und körperlich bedeutet drei bis vier Versuche einer künstlichen Befruchtung durchzuführen. Auch der Eingriff an sich ist nicht unproblematisch. Wer eine Eizellspende machen will, muss zuvor hormonell stimuliert werden. Das birgt medizinische Risiken. Die Gefahr der Überstimulation mit Nebenwirkungen ist gegeben; im schlimmsten Fall bedeutet das eine dauerhafte Unfruchtbarkeit.

Es ist noch nicht so lange her, dass Mediziner in der Hormonersatztherapie einen Jungbrunnen für Frauen gesehen haben. Brustkrebsrisiken wurden lange geleugnet bis die Fakten aus den USA erdrückend waren. Selbst bei der Antibabypille sind trotz jahrzehntelanger Erfahrung und schrittweiser Verbesserung nicht alle Gesundheitsrisiken ausgemerzt, auch wenn sie  – sehr zum Ärger der Internisten – heruntergespielt werden. In ihren Praxen landen am Ende all die jungen Frauen mit Thrombose-Risiko, das sie ohne die Pille nicht oder in geringerem Maße hätten.

Carl Djerassi würde diese Bedenken vermutlich ähnlich kommentieren wie er das bei den spät deutlich gewordenen Folgen der von ihm erfundenen Anti-Babypille tat: Viele Studien lassen sich nicht im Labor oder in der experimentellen Phase machen. Dazu müssen erst Hunderte, ja Tausende oder Millionen Menschen ein Medikament einnehmen. Man darf nicht alle Antworten gleich zu Beginn erwarten. Würde er noch leben, würde er sich vermutlich ähnlich zum Social Freezing oder anderen Fortschritten der medizinischen Forschung äußern.

Ich erwarte nicht alle Antworten sofort. Eine seriöse Forschung braucht Zeit, um langfristige Folgen von Medikamenten einschätzen zu können. Es ist in vielen Fällen auch die Gesellschaft, die die Technologie vorantreibt. Denken wir an die künstliche Befruchtung. Sie wurde entwickelt, um das Problem der Unfruchtbarkeit zu lösen. Die ethisch problematischen Anwendungen, denen wir uns heute gegenüber sehen, sind erst durch die späteren Versuche einer Ausweitung der Anwendung z.B. bei der Präimplantationsdiagnostik und jetzt beim Social Freezing entstanden. Kaum jemand stellt sich die Frage, was z.B. mit den überzähligen eingefroren Embryonen geschieht, nachdem der Kinderwunsch z.B. durch eine Mehrlingsschwangerschaft – ein weiteres Risiko für Mutter und Kinder – abschließend erfüllt wurde. Oder denken Sie an Brustimplantationen. Sie wurden entwickelt für Frauen, die durch Krebs ihre Brüste und damit viel von ihrem Selbstwertgefühl verloren hatten. Inzwischen sind Brustimplantate eine Ware wie Push-up-BHs, nur viel teurer.

Auf dem Gebiet der Plastischen Chirurgie sind Manipulation und Selbstmanipulation von Frauen besonders weit fortgeschritten. Das ist einer der Bereiche der Medizin mit den höchsten Wachstumsraten. Viele Frauen befinden sich auf dem Irrweg der Selbstoptimierung des eigenen Körpers durch chirurgische Eingriffe, bis er einem von außen durch Medien und Werbung gesetzten und leider von vielen Frauen adaptierten Ideal entspricht. Der eigene Wert wird gemessen an den Summen, die man in den chirurgischen Umbau seines Körpers investieren kann. Dass die Schere zwischen Arm und Reich damit immer weiter auseinanderklafft und sich zunehmend auch im Äußeren (zum Beispiel an Zähnen) zeigt, ist ein weiterer Nebeneffekt.

Welche Rolle spielen Geld und das vom Staat durchaus gewollte Wachstum des „Gesundheitsmarktes“ bei der Frage, ob und wie sich medizinischer Fortschritt tatsächlich in mehr Selbstbestimmung von Frauen umsetzen lässt?


Eine große, wie nicht nur die Einführung des flächendeckenden Mammographie-Screenings zeigt. Investitionen in kostspielige Röntgengeräte müssen sich rechnen. Und dabei werden Statistiken dann schon mal tendenziös interpretiert und Frauen glauben gemacht, dass sie durch das Screening viel größere Chancen haben, nicht an Krebs zu erkranken und daran zu sterben.

Kontrolle über den eigenen Körper wird an Röntgenapparate delegiert


Frauen wiegen sich in Sicherheit wegen des regelmäßigen Screenings. Wozu noch Abtasten, dem eigenen Körper mit Achtsamkeit begegnen, wenn es doch Hochleistungsdiagnostik und -therapie gibt? Im Ergebnis haben viele Frauen bereits das Gefühl für den eigenen Körper und seine Gesundheit verloren und die Kontrolle darüber nach außen an Röntgenapparate delegiert. Das kann im schlimmsten Fall zu einer Diagnoseverzögerung führen. Geld spielt aber schon lange bevor neue medizinische Produkte oder Verfahren auf den Markt kommen eine wichtige Rolle. Wir haben kaum noch unabhängige medizinische Forschung in Deutschland; Forschung wird weitgehend von der Industrie durch finanzielle Mittel gesteuert und wählt ihre Ziele unter wirtschaftlichen Aspekten. Es herrscht international ein extremer Wettbewerb.

Was erwarten Sie von der Politik, um dieser beunruhigenden Entwicklung Einhalt zu gebieten?


Sie muss mehr finanzielle Mittel in unabhängige Forschung an den Universitäten und wissenschaftlichen Einrichtungen stecken. Für viele medizinische Maßnahmen wie Künstliche Befruchtung, Invasive Pränataldiagnostik etc. sollten psychosoziale Beratungsangebote durch unabhängige Beratungsstellen möglich sein. Nur durch eine ergebnisoffene Beratung außerhalb des medizinischen Kontextes kann eine autonome Entscheidung in diesen Fragen getroffen werden. In Bezug auf die berufliche Selbstbestimmung von Männern und Frauen sollten für Eltern noch flexiblere Teilzeitmodelle zur Verfügung stehen. Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist eine gesellschaftliche Herausforderung und keine medizinische. Der gesellschaftliche Diskurs über Kinder muss sich ändern: Von einem Diskurs über die Einschränkungen und Belastungen zu einem Diskurs über die Freude und die Bereicherung, die Kinder in das Leben von jungen Paaren bringen können; übrigens auch kranke und behinderte Kinder.


Beim Landestag der Psychologie in Stuttgart am 11. Juli 2015, der sich aus psychologischer Perspektive mit dem Thema „Selbstbestimmung und Manipulation“ in Politik und Wirtschaft, Sport und Gesundheit widmet, wird Professor Heike Stammer mit den Tagungsteilnehmern weiterdiskutieren. Interessenten sind herzlich eingeladen und finden weitere Informationen auf der Website der Landesgruppe.

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