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Nudging: Psychologische Strategien zwischen Manipulation und Entscheidungshilfe

Was Wirtschaft darf, wird der Politik nicht verziehen

Der Landestag der Psychologie am 11. Juli 2015 in Stuttgart steht unter dem Titel „Selbstbestimmung und Manipulation in Politik und Wirtschaft, Sport und Gesundheit“. Kaum ein anderes Thema verkörpert diese Gegenpole so sehr wie das derzeit viel diskutierte „Nudging“. Nach der Schaffung von speziellen Nudging-Einheiten im Weißen Haus und bei der britischen Regierung hat auch Angela Merkel nach Konsultationen mit dem Verhaltensforscher und einem der Erfinder des Nudging, Cass R. Sunstein, im März eine entsprechende Gruppe eingerichtet. Ihr Auftrag: „Erkenntnisse zu menschlichem Verhalten“ nutzen, „um politische Ziele zu erreichen“.

Seit dem Erscheinen des Buches von Sunstein und Richard Thaler 2008 ist der Begriff Nudging, der so viel wie Anstupsen bedeutet, als Etikett für sehr viele verschiedene Anreize verwendet und unterschiedlichen Strategien übergestülpt worden. Nach Sunstein und Thaler ist ein Nudge alles, was das menschliche Verhalten vorhersehbar verändert, ohne Handlungsoptionen zu verbieten und die Anreize massiv zu verändern. Dazu muss die Intervention vermeidbar sein. Auf Augenhöhe appetitlich präsentiertes Obst im Supermarkt ist ein Nudge, das Verbot von sehr stark zuckerhaltigen Lebensmitteln wäre es nicht. Man brauche weniger Verbote und Vorschriften, so Sunstein, weil Menschen sich auch anders zu einem besseren oder gesünderen Verhalten bringen ließen.

Ein Stupser genügt und Bürger werden brav?

Einige wenige Berichte über praktiziertes Nudging scheinen das zu bestätigen. In Kalifornien soll es gelungen sein, mittels Nudging den Energieverbrauch zu senken, um den regelmäßig im Sommer auftretenden Zusammenbruch der Stromversorgung – ein allgemeines Ärgernis – zu beseitigen. Als Stups in die richtige Richtung wurde den Bürgern mitgeteilt, wieviel weniger Strom Nachbarn im Umfeld verbrauchen und damit vorbildlich im gemeinsamen Interesse handeln. Es setzte ein regelrechter Wettbewerb um den niedrigsten Stromverbrauch ein. In Großbritannien verbesserte sich angeblich die Steuermoral, nachdem das Finanzamt Säumigen per Brief freundlich mitgeteilt hatte, dass die meisten Briten anders als sie ihrer Steuerpflicht pünktlich nachkommen. Und in Dänemark warfen die Leute deutlich mehr Abfälle in dafür aufgestellte Tonnen, seit auffällige grüne Fußstapfen sie dorthin lenkten. Auch Nudges, wie wir sie in Deutschland in Form von Fahrerassistenzsystemen oder Leuchtschildern kennen, durch die Autofahrer darauf hingewiesen werden, dass sie eine Geschwindigkeitsbegrenzung überschreiten, funktionieren und werden akzeptiert. Wie der Fahrer reagiert, bleibt dabei seine freie Entscheidung. Auch die Kennzeichnungspflicht für energiesparende Geräte erfüllt dies Kriterium.

Trotz Wirksamkeit ist Methode umstritten


Wieso dann eine leidenschaftliche Auseinandersetzung unter Wissenschaftlern und wachsende Kritik an Nudging aus unterschiedlichen politischen Richtungen und Berufsgruppen? Die Wirtschaft fürchtet, dass ihre verkaufspsychologischen Tricks dann irgendwann nicht mehr funktionieren. Die Liberalen fürchten um Entscheidungsfreiheit. Vorwürfe von Paternalismus und Manipulation werden laut. Die Psychologin Dr. Bettina von Helversen von der Uni Basel erklärt den Streit vor allem mit der verwirrenden Vielfalt von Strategien, die inzwischen als Nudging gehandelt werden. „Unter den Begriff Nudging fallen viele verschiedene Strategien. Während viele Nudgingstrategien — wie die oben genannten Beispiele— ethisch relativ unproblematisch sind, gibt es doch einige, bei denen die Transparenz der Wirkungsweise und die Fähigkeit der Bürger, sich gegen den „Nudge“ zu entscheiden, in Gefahr gerät. Kritiker denken an Einsatzfelder wie eine verpflichtende Altersvorsorge, von der man sich aktiv verabschieden müsste, oder an das Recht zur Organentnahme bei allen Hirntoten, wenn sie dieser zuvor nicht schriftlich widersprochen haben.“ Da werde auf menschliche Trägheit und Vergesslichkeit gesetzt, um so mal ganz schnell die Zahl verfügbarer Organe erhöhen. Der Einsatz dieser Nudges als politisches Instrument sei ethisch aber bedenklich.

„In der Wirtschaft rechnen Menschen zu einem gewissen Grad damit, dass sie manipuliert werden. Aber wenn Politik sich der gleichen Mittel bedient, wie wir sie seit Jahren aus der Wirtschaft und ihren Verkaufsstrategien kennen, werden Menschen hellhörig“, so von Helversen. „Ein großer Unterschied besteht für mich schon allein darin, dass Bürger ihrer gewählten Regierung vertrauen können müssen. Sie wollen von ihr nicht durch intransparente psychologische Strategien auf den von der politischen Führung als richtig angesehenen Weg geführt, also genudged werden. Hinzu kommt die Erfahrung, dass Regierungen durchaus nicht immer wissen, was das Richtige ist – für das Individuum oder eine Gruppe, es sich beim Nudging aber anmaßen es zu wissen. Dass Werbung das versucht oder der Supermarkt um die Ecke durch die Präsentation und Anordnung von Produkten, das ahnen die meisten, bringen es mit mehr oder weniger gesundem Gewinnstreben in Verbindung. Auch das Sammeln von Daten durch Facebook wird erwartet und eher verziehen als die Datensammelwut durch BND und NSA. Von der Regierung dagegen erwartet man Seriosität, Transparenz und die Möglichkeit zur Teilhabe am Entscheidungsprozess. Manche Nudges nehmen einem ein Stück weit diese Teilhabe, weil man gar nicht mehr mitbekommt, wie man beeinflusst wird.“

Mehr Bildung statt Nudging


Prof. Gerd Gigerenzer, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (MPI) in Berlin, geht noch einen Schritt weiter. Er gehört zu denen, die Bundesfinanzminister Maas, ein Verfechter des Nudging in der Regierung, beraten und sagt: „Vertreter des Nudging glauben, dass menschliches Verhalten systematisch von rationalem Handeln abweicht und es angeblich auch wenig Hoffnung gibt, dass wir den Umgang mit Risiken lernen können. Also muss der Staat eingreifen, um uns vor uns selbst zu schützen und zwar nicht durch Gesetze oder finanzielle Anreize, sondern indem er ähnliche psychologische Methoden verwendet wie Werbung und Industrie. Wir brauchen mehr mündige Bürger in unserem Land statt mehr Menschen, die von anderen gelenkt werden.“ Darum setzt der Psychologe auf Bildung und Aufklärung. Nudging mache nicht kompetenter.

Statt Jahr für Jahr Millionen Frauen zu flächendeckend durchgeführten Brustkrebsscreenings einzuladen mit Angabe von Zeit und Ort, will Gigerenzer sachgerechte Aufklärung in Arztpraxen. 98 Prozent der Frauen überschätzten den Nutzen der Untersuchung (Ähnliches gilt auch für den Männern häufig nahegelegten PSA-Test). Die Aufklärung über tatsächliche Chancen und Risiken der Früherkennung ist Gigerenzer zufolge nach wie vor mangelhaft, weil Ärzte Statistik zum großen Teil nicht verstehen oder falsch interpretieren. Mit seiner grundsätzlichen Kritik ist er nicht allein. MPI-Co-Direktor Ralph Hertwig sieht hinter den Kulissen einen Streit um Forschungsprogramme und das damit verbundene Menschenbild. „Der Kreis um den Psychologen und Nobelpreisträger Daniel Kahnemann denkt – böse ausgedrückt –, die Leute seien zu dumm, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Am MPI dagegen hält man es für möglich, Menschen durch Bildung so zu trainieren, dass sie weniger Denkfehler machen.“

Bürger wollen durchschauen, was man mit ihnen macht

Aus Sicht von Bettina von Helversen ist die Verhaltensbeeinflussung an sich nicht das Problem, solange hochproblematisches paternalistisches Denken dafür nicht der Ausgangspunkt ist. „Regierungen versuchen immer, das Verhalten von Menschen zu beeinflussen, und es gibt viele Situationen, in denen man sich anders verhält als es für einen selbst gut wäre oder man sich von sich selbst wünscht, sich z.B. betrinkt, zu viel isst oder die Erledigung von Aufgaben bis zur letzten Minute aufschiebt. Auch an all diesen Punkten versucht Nudging anzusetzen und Menschen zu helfen, mehr Selbstkontrolle zu gewinnen und sich weniger stark von außen – sei es durch Werbung, durch eine trinkfreudige Runde oder andere Faktoren beeinflussen zu lassen. „Solche negativen Einflüsse zu ignorieren, wäre kurzsichtig.“ Oder „Die Existenz dieser negativen Einflüsse zu ignorieren, wäre kurzsichtig.“

Die Empörung unter Kritikern erwächst ihres Erachtens daraus, dass der Bürger bei einigen Nudging genannten Strategien die Mechanismen der Verhaltensbeeinflussung nicht mehr durchschaut oder über sie mitentscheiden kann. Für die Psychologin ist Transparenz ausschlaggebend. „Der Bürger hat Anspruch darauf zu erfahren, welches Verhalten mittels welcher Methoden in welche Richtung verändert werden soll. Es gilt nicht ‚Der Zweck heiligt die Mittel‘. Nicht einmal der Erfolg tut das.“ Zudem mache es einen Unterschied, auf welche Bevölkerungsgruppen die einzelnen Strategien zugeschnitten sind. Bei Kindern z.B., denen noch keine volle Autonomie zugesprochen wird, seien die meisten einverstanden, dass Strategien benutzt werden, die stärker beeinflussen. „Bei Verhaltensänderungen von Erwachsenen durch vergleichbare Strategien ist die Akzeptanz weniger hoch.“

Die Forscherin ist überzeugt, dass der größte Teil wissenschaftlicher Beschäftigung mit dem Thema noch vor uns liegt. Die Landesgruppe Baden-Württemberg des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen, Veranstalterin des oben genannten Landestages, freut sich, mit ihrem Landestag dazu einen bescheidenen Beitrag leisten zu können. Interessenten sind herzlich eingeladen und finden weitere Informationen auf der Website der Landesgruppe.

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