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Landestag der Psychologie 2016


Psychologie in Zeiten der Unsicherheit - unser Tagungsbericht


Unsicherheit spüren nicht nur Klienten und Patienten

Der Landestag der Psychologie am 9. Juli in Stuttgart stand unter der Überschrift „Psychologie in Zeiten der Unsicherheit“. Wie sehr die wir damit ins Schwarze getroffen hatten, zeigten die vielen bunten Karten mit darauf notierten Sorgen und Fragen, die bereits am Vormittag nach einer entsprechenden Ermunterung abgegeben und im Verlauf der Veranstaltung von Aktiven aus dem Verband und/oder Referenten beantwortet wurden. Sie betrafen in vielen Fällen die unübersichtliche Studienlandschaft, was angesichts vieler Studierender unter den Teilnehmern nicht verwunderte, aber auch die Sorge um die Zukunft der eigenen Profession angesichts des Drucks, weitere Arbeitsfelder unter Approbationsvorbehalt zu stellen.

Erhellende Antworten auf viele Fragen von Studierenden

Klare Antworten gab es dazu sowohl von Fredi Lang, Referent für Fachpolitik beim BDP, aber auch von Prof. Niels Habermann, der aus rechtspsychologischer und Hochschulperspektive leidenschaftlich für dieses Arbeitsfeld und die Qualität sowohl der Ausbildung als auch der von Gutachten warb. (siehe auch die Interviews mit den Referentinnen und Referenten). Auch BDP-Vizepräsident Michael Ziegelmayer widmete sich diesen Fragen in seiner Begrüßungsrede.

Zu Beginn des Landestages hatte der aus Anlass des BDP-Jubiläums in Auswertung vieler Dokumente und Gespräche mit Zeitzeugen hergestellte Film an Ereignisse, gewonnene und verlorene Kämpfe im Interesse der Psychologenschaft sowie an Persönlichkeiten inner- und außerhalb des Verbandes, die für die Entwicklung der Psychologie und ihrer Rolle in der Gesellschaft von Bedeutung waren, erinnert. Diese Rückschau enthielt neben ernsten auch durchaus heitere Aspekte und stellte eine Art Zeitreise für Mitglieder und Gäste dar. Noch mehr über die bewegte Geschichte des BDP konnten alle erfahren, die sich in den Pausen mit der Vorsitzenden der Landesgruppe, Ute Steglich, austauschten.

Wie eine Cola-Flasche zum „Co-Therapeuten“ wird


Wer danach am Eingang für den Workshop „Kreative Impact-Techniken in Therapie und Beratung“ vorbeiging, wurde geradezu magisch von Stofftieren, Plastikbechern, Bier- und anderen Getränkeflaschen angezogen, und bei manchen Teilnehmern siegte die Neugier über die ursprüngliche Workshop-Wahl zugunsten von diesem. Es lohnte sich, denn man erfuhr viel über Beziehungsaufbau und darüber wie Alltags-Gegenstände zu „Co-Therapeuten“ werden können. Einfache Mittel wie ein Gummiband, an dem Therapeut und Patient von zwei Seiten ziehen und im Verlauf der Übung Misstrauen überwinden, machten diesen Workshop zu einem besonders anregenden und lebendigen. Überzeugt hatte Eva Barnewitz bereits am Vormittag mit ihren Ausführungen zur Narrativen Expositionstherapie. Mehr darüber und die Arbeit der jungen Psychologin im Kongo kann man hier nachlesen.

Wer mochte, konnte bei Prof. Annett Schulze dafür sensibilisiert werden, wie mit Sprache Hass und Hilflosigkeit oder Empathie und Hilfsbereitschaft erzeugt werden können. Sie demonstrierte das anhand vieler Beispieltexte und -bilder aus einem Medienspektrum von der „Jungen Freiheit“ bis zur „ZEIT“ zum Thema Flüchtlinge. Dass der sorgfältige Umgang mit Begriffen nicht nur für Psychotherapeuten im Kontakt mit traumatisierten Migranten von Bedeutung ist, sondern vom Schulpsychologen bis zum Rechtspsychologen alle angeht, wurde in der Diskussion deutlich.

Bis an die Teilnehmergrenze gefüllt waren die Workshops von Dr. Gesine Hofinger zu den Themen „Entscheidungen in komplexen Situationen“ sowie „Fehlannahmen über menschliches Verhalten in Extremsituationen“. Das zuletzt genannte Thema und zwei weitere fanden auch die Aufmerksamkeit von mehreren Print- und online-Medien und führten zu Veröffentlichungen u.a. in den „Stuttgarter Nachrichten“.

Nicht nur Wirtschaftspsychologen interessierten sich für den Workshop von Prof. Dr. Myriam Bechtoldt „Sieger in Nadelstreifen, die sich für Nieten halten“. Sie sprach zunächst über das Erleben von Personen mit Hochstapler-Selbstkonzept, um anschließend dessen Auswirkungen auf Führungsverhalten zu beschreiben. Gemeinsam mit den Teilnehmern wurde die Validität des Konstrukts diskutiert und über Interventionsmöglichkeiten gesprochen.

Rhetorisch gekonnt, anregend, informativ, unterhaltsam, manchmal kontrovers – all das ließe sich über Prof. Jürgen Hilles Workshop „Gesundheit und Isolation unter Bedingungen gesellschaftlichen Wandels“ sagen, bei dem er den durchaus ambivalenten Charakter von Veränderungen im Arbeits- und Familienleben, bei der Partnersuche, in der Medizin und auf anderen Gebieten darstellte. Was auf der einen Seite mehr Freiheit bedeuten kann, birgt auf der anderen psychische Risiken durch Verlust von Orientierung und Bildung. Ob die Grenzen der Mobilität bereits erreicht sind, wie Richard Sennett schreibt, oder wie viel Wahrheit in manchen Statistiken steckt – darüber wurde in diesem Workshop besonders lebhaft diskutiert.

Den Organisatoren, insbesondere den beiden „Gesichtern des Landestages“ nun schon seit mehreren Jahren – Thordis Bethlehem und Birgit Weinmann – galt am Ende Dank und Anerkennung für die perfekte Organisation, den Ideenreichtum und das interessante Programm.

Text und Fotos: Christa Schaffmann